Verifikation von digitalen Fotos und Videos

Manipuliertes Bildmaterial in sozialen Medien stellt den Journalismus vor eine große Herausforderung. Mithilfe zahlreicher digitaler Tools können derartige Informationen allerdings oft verifiziert werden.

In Zeiten rasant fortschreitender technologischer Möglichkeiten ergeben sich auch immer neue Probleme und Herausforderungen. Eine große Rolle spielen dabei derzeit etwa Manipulationsversuche im Internet, die versuchte Beeinflussung von Medien und Rezipienten und der bei Erfolg daraus resultierende Vertrauensverlust in die Medienbranche. Derartige Angriffe finden gerade in einer Fülle statt, wie es sie noch nie gegeben hat. Ein Grund dafür sind unter anderem die sozialen Medien, welche die Verbreitung solcher Manipulationen fördern.

Manipulationen können in verschiedenen Formen auftauchen: Texte, Bilder, Videos, Social Media-Posts, gefälschte Nachrichtenmeldungen oder Audioaufnahmen. Die vorgenommene Art der Manipulation kann ebenfalls verschiedene Erscheinungsformen haben. Nicht immer muss das Material selbst verfälscht worden sein. Viel einfacher ist es, echtes Material in einen falschen Kontext zu setzen und damit die ursprüngliche Intention oder Aussage zu verfälschen. Dies nennt sich „Re-Framing“.

Hinter der Produktion solcher „Fakes“ müssen nicht unbedingt politische Absichten stecken. Fakes können auch einfach aus Langeweile erstellt werden, wenn sich der Produzent von der gestifteten Verwirrung Vergnügen verspricht. In beiden Fällen steckt auf jeden Fall ein hohes Maß an Motivation und investierter Zeit dahinter, während die gegenüberliegende Seite des Rezipienten oftmals nicht viel Mühe investieren möchte, um zu prüfen, ob es sich bei einem Bild oder einem Video um eine Manipulation handelt oder nicht. Auch im journalistischen Alltag fehlen meistens Zeit und Ressourcen, um aufwendige Verifikationsprozesse zu führen.

Daraus ergeben sich im Journalismus zwei große Gefahren. Zum einen die Gefahr, eine Manipulation für glaubwürdig einzustufen und dadurch im schlimmsten Fall den politischen Spin zu befeuern und weiterzutragen, der für die Produktion des Fakes ausschlaggebend war. Wird der Fake dann vom Endkunden als solcher überführt, kann ein immenser Vertrauensverlust in das Medium, welches das manipulierte Material verwendet hat, erfolgen. Dies gilt vor allem für Zeitungen und insbesondere für Agenturen. Denn derartige Unternehmen sind in der Sicht der Kunden bereits qualifizierte Verifikateure. Die Kunden gehen davon aus, dass die journalistische Sorgfalt der Unternehmen dafür sorgt, dass keine falschen Informationen weitergeleitet werden. Seit dem Bedeutungsverlust der Gatekeeper-Rolle wird die Funktion von Medien als Verifikateure immer relevanter. Deshalb schaden derartige „Fake News“ auch dem vorgeschossenen Vertrauen der Kunden, die sich von Medien eine Orientierung in Zeiten belastender Überinformation versprechen.

Die andere Gefahr ist die Vermeidung von Inhalten im Journalismus. Wer mit Verifikation überfordert ist und nicht weiß, wo er ansetzen muss, entwickelt auch eine Tendenz, kritisches Material eher nicht zu verwenden und zu ignorieren. Hier könnten interessante oder womöglich sogar wichtige Informationen auf der Strecke bleiben, aus Angst, dass es sich um eine Falschinformation handelt. Vor allem älteren Journalisten könnte es schwer fallen, im Social Media-Dschungel den Durchblick zu bewahren. Deswegen ist eine Sensibilisierung im Umgang mit Onlinequellen sehr wichtig.

Wer auf Informationen aus dem Internet zurückgreifen möchte, muss sie überprüfen. Dabei lassen sich Originale aber kaum zu hundert Prozent verifizieren. Selbst nach einem aufwendigen und positiven Verifikationsprozess lässt sich nicht komplett ausschließen, dass es sich nicht doch um einen guten Fake handelt. Verifikation bedeutet daher nicht unbedingt, etwas mit Überzeugung als „wahr“ zu deklarieren, sondern viel mehr, zu einer Einschätzung zu gelangen, ob die Information so vertrauenswürdig ist, dass man sie auch verwenden kann. Wichtig wäre es zudem, den vorgenommenen Verifikationsprozess im besten Fall für die Kunden transparent zu machen.

Auf der anderen Seite lassen sich Fakes meistens überführen. Dies nennt man „debunken“. Wird eine vorgenommene Manipulation überführt, ist dies ein klares Signal, dass man bei der Verwendung des Materials vorsichtig sein muss oder generell davon absehen sollte. Um etwa gefakte Bilder oder Videos zu überführen, müssen verschiedene Punkte überprüft werden, auf die im Folgenden genauer eingegangen wird. Gleichzeitig werden auch verschiedene Tools angeführt, die beim Verifikationsprozess helfen können. Denn auch wenn Recherchefähigkeiten und Hausverstand beim Debunking essentiell sind, kommen Verifikateure oftmals nicht ohne zusätzliche Werkzeuge aus.

Handelt es sich um das Original?

Vor dem Prüfen von Inhalt und Details sollte der erste Schritt bei Bildern und Videos immer sein, zu kontrollieren, ob man es mit dem Original-Bild oder Original-Video zu tun hat. Handelt es sich wirklich um das erstmalige Online-Erscheinen dieses Materials oder ist es bereits aufgetaucht? Rund um den G20-Gipfel in Hamburg tauchten etwa Bilder von Kapitalismusgegnern auf, die bei McDonalds zu Mittag aßen. Dieselben Bilder waren allerdings bereits ein paar Jahre zuvor verbreitet worden, entstanden also gar nicht im Zusammenhang mit den Ereignissen.

Um derartige Manipulationen aufzudecken, gibt es hilfsreiche Tools. Immer empfehlenswert ist eine sogenannte Reverse Image Search. Eine Online-Suchmaschine überprüft dabei, ob ein Bild, das man als User hochladen oder verlinken kann, bereits irgendwo im Internet zu finden ist. Hier sind vor allem die Reverse Image Search von Google (https://images.google.com/) und die von TinEye (https://www.tineye.com/) nützliche Werkzeuge. Am besten verwendet man bei einer Rückwärts-Bildersuche beide Tools, da beide auf unterschiedliche Algorithmen und Datenbanken zurückgreifen. Videos können etwa mit einem Amnesty-Tool ebenfalls rückwärts gesucht werden (https://citizenevidence.amnestyusa.org/).

 

Auch Exif-Daten sind ein zentraler Punkt in der Detektivarbeit des Debunkens. Beim Erstellen eines Bildes oder eines Videos fügt die Kamera der entstandenen Datei automatisch einige Metadaten hinzu, zum Beispiel Datum und Uhrzeit der Aufnahme, geographische Koordinaten oder verwendetes Kameramodell. Diese Exif-Daten können über eigene Tools (zum Beispiel http://fotoforensics.com/ oder http://exif.regex.info/exif.cgi) ausgelesen werden und zum Debunkprozess erheblich beitragen. Allerdings können Exif-Daten auch nachträglich verändert werden. Auch hier gilt: legt es der Produzent eines Fakes wirklich darauf an, sind auch Exif-Daten nicht unbedingt sicher. Passen die Exif-Daten jedoch nicht zusammen, erhärtet sich der Verdacht, dass es sich um einen Fake handelt.

Ein drittes zu empfehlendes Tool, um zu überprüfen, ob man es mit Originalmaterial zu tun hat, widmet sich dem Bild selbst. Reveal (http://reveal-mklab.iti.gr/reveal/) sucht nach Spuren, die bei einer Manipulation im Bild selbst nachzuweisen sind. Wird ein Bild in ein anderes eingefügt, kann die Bildkompression etwa Hinweise auf Nachbearbeitungen geben. Reveal bietet einige Beispiele für Analysen. Wenn man wirklich verstehen will, was dort analysiert wird, muss man sich mit Bildbearbeitung aber gut auskennen. Außerdem ist das Tool nicht immer zuverlässig. Dennoch können auch hier Fakes debunked werden.

Quelle?

Wenn nun wahrscheinlich ist, dass man mit dem Original arbeitet, gilt es, die Quelle zu überprüfen, die das Material in das Netz gestellt hat. Um wen handelt es sich? Kann die Quelle vor Ort gewesen sein? Sind der restliche Content und die Profilauslegung ähnlich? Gibt es Lücken in seiner Geschichte? Gibt es gemeinsame Follower, welche die Seriosität der Quelle bestätigen können? Hier sollte man gründlich nachdenken, ob man der Quelle vertrauen kann. Ausschlusskriterien könnten Social Media-Profile mit Stock Photos, einem jungen Erstellungsdatum, wenigen Followern oder wenigen Postings sein.

Wenn der Hausverstand nicht ausreicht, gibt es auch hier nützliche Tools, um Quellen zu verifizieren und ihren digitalen Fußabdruck zu analysieren. Über eine whois-Abfrage (https://www.whois.com/) lässt sich der Inhaber einer Domain abfragen. In vielen Fällen gelangt man dadurch zu einem Namen oder sogar zu einer Telefonnummer, womit man weitere Recherche anstellen kann. Soziale Netzwerke wie LinkedIn oder Facebook können hierbei von großer Bedeutung sein.

Eine Reverse Image Search mit dem Profilbild einer Quelle bietet eine Chance, andere Profile der Person zu entdecken, die weitere Hinweise darauf geben, ob es sich um eine vertrauenswürdige Person handelt. Viele Menschen verwenden bei mehreren Onlineauftritten das gleiche Profilbild. Außerdem gibt es Suchmaschinen, die auf persönliche Daten spezialisiert sind. Handelt es sich um eine Person mit einem Namen, der nicht sehr verbreitet ist, steht die Chance gut, dass Suchmaschinen wie Pipl (https://pipl.com/) alles zusammentragen, was sich über diese eine Person im Netz finden lässt. Außerdem kann man genauso nach Informationen suchen, die mit einer Mailadresse oder Handynummer verbunden sind.

Analyse des Twitter-Accounts von Donald Trump über https://foller.me/realdonaldtrump

Eine weitere Möglichkeit sind Social Media-Analysetools (wie http://mentionmapp.com/, https://moz.com/followerwonk/ oder https://foller.me/), die einen Einblick in das Social Media-Verhalten eines Accounts geben können. Dadurch kann beispielsweise eruiert werden, zu welchen Zeiten der Account normalerweise aktiv ist, mit welchen anderen Accounts er interagiert, zu welchen Themen er postet, etc.

Ort und Zeit?

Am wichtigsten ist – wenn Bildoriginalität und Quelle als vertrauenswürdig eingestuft werden – beim Verifikationsprozess aber das Prüfen von Zeit und Ort der Aufnahme. Hier gilt es wirklich in Detektivmanier auf Details im Bild oder im Video zu achten. Gibt es bestimmte Merkmale? Sind die Nummernschilder von Autos zu erkennen? Geben Straßen, Häuser oder Vegetation bestimmte Hinweise auf die Lokalität? In welcher Sprache sind Schilder geschrieben? Ist im Video vielleicht sogar eine bestimmte Sprache oder ein eigener Dialekt zu hören? Gibt ein aufgezeichnetes Gespräch Aufschluss über die Region?

In diesem Punkt muss man den Verifikationsprozess wirklich für jedes zu überprüfende Objekt individualisieren und auf eine eigene Fährte kommen, die es dann zu verfolgen gilt. Ein guter Tipp ist, immer die Kommentare unter einem Youtube-Video oder einem Bild auf Twitter oder Facebook zu lesen, denn vielleicht hat bereits jemand diese Fährte verfolgt oder äußert andere relevante Hinweise. Zudem sollten Journalisten verfügbare Ressourcen mobilisieren und vorhandene Kompetenzen nutzen. Möglicherweise gibt es bei der Analyse eines mutmaßlich auch Dänemark stammenden Bildes jemanden in der Redaktion, der erst unlängst in Dänemark war und mehr weiß als man selbst. Vielleicht gibt es sogar Kontakte in der jeweiligen Region, bei denen nachgefragt werden kann.

Selbstverständlich gibt es aber auch hier Tools, die den Verifikationsprozess unterstützen können. Die Exif-Daten wurden bereits erwähnt. Auch eine „Advanced Search“ kann etwa auf Twitter oder Facebook vorgenommen werden, um zu sehen, ob vielleicht mehrere Bilder zu einem Vorfall gepostet wurden, was ein Hinweis wäre, dass sich der Vorfall vermutlich tatsächlich ereignet hat. Die erweiterte Suche bei einigen sozialen Medien ermöglicht es darüber hinaus, einen Geotag in die Suche miteinzubeziehen, wodurch sich etwa alle Fotos aufrufen lassen, die in einer bestimmten Region entstanden sind.

Auch Kartendienste sind wichtig, um sich einen Überblick vom Ort des Geschehens zu machen. Passen alle Details zusammen? Gibt es markante Punkte, die Hinweise geben können? Hier sollten auch durchaus verschiedene Dienste (Google Maps/StreetView/Google Earth, Yandex, Bing, Baidu, etc.) genutzt werden, da diese auch auf verschiedene Satelliten zurückgreifen und bei einem Anbieter Details erkannt werden könnten, die bei anderen nicht zu sehen sind.

Außerdem ist es hilfreich, auf dem Bild oder Video sichtbare Wetterdetails mit digitalen Wetterarchiven (zum Beispiel http://www.wolframalpha.com/) abzugleichen. Diese Archive geben Einsicht in das Wetter, das zu einem bestimmten Zeitpunkt in einer bestimmten Region vorherrschte. Wird bei einem sonnigen Bild behauptet, dass es an einem Tag entstanden ist, an dem es in Wirklichkeit nur regnerisch war, ist das ein Hinweis, dass Entstehungsdatum und proklamiertes Datum womöglich nicht zusammenpassen könnten. Wenn man wirklich viel Aufwand betreiben möchte, kann man mit gewissen Tools (etwa https://www.sonnenverlauf.de/) sogar den damaligen Sonnenstand und somit die Schattenlänge von Gegenständen zu einem gewissen Zeitpunkt ansehen und mit dem Bild vergleichen.

Fazit

Die vorgestellten Beispiele von Verifikationstools sollen eines verdeutlichen: Werkzeuge zur Überprüfung von Bild- und Videomaterial gibt es genug. Sie müssen nur genutzt werden. Allgemein bedarf es wohl eines viel größeren Bewusstseins und Quellenkompetenz im Umgang mit Informationen im Internet. Auch wenn sich Fakes nie wirklich ausschließen lassen, kann mit Verifikationsprozessen dennoch eine größere Sicherheit bei der Verwendung derartigen Materials erlangt werden.

Die meisten Fakes werden dilettantisch produziert und sind einfach zu überführen. Hier hilft bereits eine geringe Verifikationskompetenz, um mithilfe der nützlichsten Tools Fakes schnell zu debunken. Alleine deswegen wird Verifikation vor allem im Journalismus immer wichtiger und dringend nötig, um einen Vertrauensverlust der Leser in die Medienbranche abzuwehren. Denn Fehler werden selten verziehen.